„Die Kritik ist berechtigt“

Nach den Pleiten in Groß-Bieberau und Aue kassierte Handball-Zweitligist TV Bittenfeld gegen Delitzsch in eigener Halle eine Schlappe. Es läuft nicht beim TVB. „Wir müssen uns der berechtigten Kritik der Fans stellen“, sagt Spielführer Jürgen Schweikardt. „Vielleicht fehlt uns in den entscheidenden Phasen der Glaube an die eigene Stärke.“

Herr Schweikardt, wie haben Sie denn in der Nacht nach dem Delitzsch-Spiel geschlafen?

Sehr schlecht.

Das Spiel war so deprimierend anzusehen, dass einige Zuschauer das Ende gar nicht miterleben wollten. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, nach dem Spiel wieder unter die Leute zu gehen?

Natürlich lässt man sich lieber nach einem gewonnenen Spiel auf die Schulter klopfen. Aber wer wie wir in der Vergangenheit auch viel Lob eingeheimst hat, muss sich auch in einer solchen Phase der absolut berechtigten Kritik der Fans stellen.

Nach sieben Spielen steht der TVB zwei Punkte hinter dem Saisonziel, einem einstelligen Tabellenplatz. Das ist nicht die Welt. Andererseits: Wäre die Saison jetzt zu Ende, müsste der TVB in die Abstiegsspiele. Wird einem da nicht angst und bange?

Es macht momentan keinen Sinn, auf die Tabelle zu sehen. Diese ändert sich zu einem so frühen Zeitpunkt in der Saison noch von Spieltag zu Spieltag extrem. Viel wichtiger ist die Analyse unserer Niederlagen und vor allem der erschreckenden Art und Weise, wie diese Niederlagen ausgefallen sind.

Das Debakel bei Aufsteiger Groß-Bieberau, bei dem der TVB mit 15 Toren Differenz verlor, schien ein einmaliger Ausrutscher gewesen zu sein. Schließlich präsentierte sich die Mannschaft in Bietigheim und gegen den Bergischen HC in aufsteigender Form. Die blamable Leistung gegen Delitzsch nährt Zweifel, dass der TVB in dieser Saison ein Stück weiter ist.

Wir waren im Vorfeld der Saison und vor allem nach der recht guten Vorbereitung der Überzeugung, dass wir ein deutliches Stück vorangekommen sind. Leider sind wir dann nicht so in die Saison gekommen wie erhofft und nach den letzten drei Partien ist vom erarbeiteten Selbstvertrauen nichts mehr übrig.

20 Tore in Aue, 21 gegen Delitzsch: Das einstige Paradestück des Bittenfelder Handballs, der Angriff, lahmt. Nur Aue hat weniger Tore erzielt. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Die geringe Torausbeute ist das Erschreckendste an der ganzen Situation. Wir machen viel zu viele einfache Fehler in unserer zweiten Welle und damit ist unser Tempospiel komplett lahmgelegt. Im gebundenen Angriff tun wir uns dann umso schwerer.

Gegen die Bergischen Löwen, in Aue und gegen Delitzsch schwächelte der TVB jeweils in der Schlussphase. Ist der Kader vielleicht doch zu dünn bestückt oder ist das eher ein mentales Problem?

Das ist für mich momentan ein Phänomen, das ich mir nicht erklären kann. An der dünnen Spielerdecke möchte ich das nicht festmachen, wir haben schließlich auch in Bietigheim am Ende noch zugelegt. Vielleicht fehlt uns nach der unglücklichen Niederlage gegen den BHC in den entscheidenden Phase einfach der Glaube an die eigene Stärke.

Schon in der vergangenen Saison musste der TVB einige sehr hohe Niederlagen einstecken. Auch in dieser Runde ist das Torverhältnis nach wenigen Spielen bereits wieder miserabel. Sehen Sie die Schlappen eher als kosmetisches Problem?

Nein, das darf uns einfach nicht passieren. Wir fallen, nachdem ein Spiel entschieden ist, regelmäßig auseinander. In Aue beispielsweise sind wir fünf Minuten vor Schluss nur zwei Tore hinten und verlieren dann noch mit sieben. Ähnlich war’s gegen Groß-Bieberau und gegen Delitzsch. Das ist nicht nur schlecht für das Torverhältnis, sondern auch für die Moral.

Einige wichtige Spieler sind derzeit völlig außer Form, auch Sie scheinen nicht mit übermäßig viel Selbstbewusstsein ausgestattet. Ist die Verantwortung auf zu wenige Schultern verteilt und der Druck zu groß?

Das stimmt, jedoch liegt das sicher nicht am Druck. Den hatten wir in der Vergangenheit in noch viel größeren Ausmaßen und sind damit auch zurechtgekommen. Woher die schlechten Leistungen bei mir persönlich kommen, kann ich momentan nicht genau sagen. Nun muss aber jeder Spieler für sich selbst sorgen und schauen, wie er wieder zu seiner Leistungsfähigkeit zurückfindet. Auch ich. Dabei kann uns auch niemand helfen.

Als Spielführer sind Sie zusammen mit Ludek Drobek der erfahrenste Spieler im Team und jetzt gefordert. Haben Sie schon eine Idee, wie der TVB schnellstmöglich aus der Krise kommt?

Wie gesagt, jeder Einzelne muss Tag für Tag im Training daran arbeiten, seine Leistungsfähigkeit zu erreichen. Diese Leistungsfähigkeit müssen wir dann am Wochenende gemeinsam als Team in die Waagschale werfen. Wir haben schon viele Erfolge gemeinsam gefeiert, jetzt müssen wir auch gemeinsam durch das Tal gehen.

Viel Zeit hat der TV Bittenfeld nicht. Am Wochenende geht’s nach Wallau, dann kommt Titelkandidat HR Ortenau in die Porsche-Arena. In den fünf Auftritten bisher in Stuttgart hat der TVB zumindest kämpferisch nicht enttäuscht. Das sollte er auch diesmal nicht, ansonsten könnte der Kredit bei den Fans schnell verspielt sein. So gesehen, steht Bittenfeld in der Porsche-Arena zum ersten Mal unter Druck. Das macht die Sache nicht leichter, oder?

Es gibt keinen Grund zum Jammern, wir sind an der Situation selbst schuld und müssen uns daraus wieder befreien. Wir hoffen dabei natürlich auf die Unterstützung unserer Fans in der Porsche-Arena. Aber ganz klar ist die Mannschaft in der Bringschuld. Wir können auch anders – und das müssen wir in der Porsche-Arena beweisen.

Quelle: Waiblinger Kreiszeitung – Thomas Wagner