Bittenfelder als stille Genießer

Das Freudentänzchen der Bittenfelder Zweitliga-Handballer nach dem 28:27-Sieg in Bietigheim war intensiv, aber kurz. Für Jubelorgien waren sie viel zu müde. 33 Minuten hatte der TVB den Favoriten vor rund 1600 Zuschauern beherrscht, ehe eine Flut von Zeitstrafen die Bittenfelder aus dem Rhythmus brachte. Mit großem Kampfgeist kamen sie nach dem Rückstand wieder zurück und hatten in der prickelnden Schlussphase das nötige Glück.

Sebastian Seitner streckte die Flasche Rotwein, Preis für den Spieler des Tages, in Richtung der jubelnden 400 Bittenfelder Fans. Das Fazit passte zum Spiel des 29-Jährigen: Schnörkellos, trocken – und mit einer Portion Gelassenheit. „Es hat viel Spaß gemacht, wir haben perfekt gespielt“, sagte Seitner. „Und die Kulisse war beeindruckend.“

Die Derbys der beiden einzigen württembergischen Zweitligisten hatten in der vergangenen Saison für Gesprächsstoff gesorgt. In Bietigheim musste der TVB eine schmerzliche 27:41-Klatsche einstecken. Im Rückspiel kam’s fast zum Eklat, als der Bietigheimer Robin Haller in der hitzigen Schlussphase eine spielentscheidende Zeitstrafe für TVB-Spieler Patrick Rothe provozierte und die Bittenfelder Fans nach dem Spiel dem Sündenbock an den Kragen wollten. Für zusätzliche Brisanz sorgte am Samstag die Tatsache, dass Rothe mittlerweile das Bietigheimer Trikot trägt.

Zehn Zeitstrafen gegen den TVB, drei gegen Bietigheim

Haller spielte ordentlich, Rothe blieb blass. Im Mittelpunkt des äußerst unterhaltsamen Derbys standen diesmal andere. Beispielsweise die Schiedsrichter Marc Schmitz und Frank Kaiser (Eggenstein/Linkenheim). Die beiden pfiffen in vielen Situationen zu kleinlich. Vor allem die Bittenfelder haderten mit der Zeitstrafenflut: Zehnmal musste der TVB mit einem Spieler weniger auskommen, nur dreimal die Bietigheimer. Die eine oder andere Strafe indes mussten sich die Bittenfelder selbst zuschreiben, da fehlte es schlichtweg an der nötigen Disziplin.

Nicht jedoch in der Anfangsphase. Die Bittenfelder kamen glänzend ins Spiel, Garant hierfür war die konzentrierte Deckungsarbeit. Der TVB begann überraschend mit der 3:2:1-Variante, und damit hatte Bietigheim offensichtlich nicht gerechnet. Das Team von Uwe Rahn kam überhaupt nicht zurecht – egal, welche Formation der Trainer aufs Feld schickte. Und an personellen Alternativen mangelt’s den Bietigheimern beileibe nicht. Vorne suchten die Bittenfelder geduldig ihre Chance gegen die defensive 6:0-Deckung der SG – bisweilen allerdings bis an die Grenze des Zeitspiels.

Als der starke TVB-Torhüter Björgvin Gustavsson seinen zweiten Siebenmeter hielt, lag der Gast gegen ratlose Bietigheimer nach 14 Minuten mit 7:3 in Führung. Sechs Minuten später bauten die starken Sebastian Seitner und Simon Baumgarten den Vorsprung auf sieben Tore aus (12:5).

Rote Karte für Ex-Waiblinger Sven Scheerschmidt

So ging’s jedoch nicht weiter. SG-Trainer Rahn schickte nun Mathias Gysin ins Tor, der seine Sache viel besser machte als der unglückliche Mathias Lenz. Der TVB verlor für ein paar Minuten die Konzentration und Disziplin. Acht Minuten stand er mit einem Spieler weniger auf dem Spielfeld, selbst Gustavsson hatte seine Nerven nicht im Griff. Als der Bietigheimer Sven Scheerschmidt Florian Schöbinger fällte, rannte der Isländer wutschnaubend an den gegnerischen Kreis. Scheerschmidt sah die Rote Karte, Gustavsson musste für zwei Minuten zum Abkühlen auf die Strafbank.

Die SG BBM Bietigheim nutzte dies clever und verkürzte auf 9:12 (26.), und zur Pause war der Favorit beim 12:14 wieder im Spiel.

Zu Beginn der zweiten 30 Minuten zeigten sich die Bittenfelder von der Aufholjagd des Gegners zunächst wenig beeindruckt und starteten ebenso kühl wie im ersten Spielabschnitt. Beim 17:12 hatte der TVB die Bietigheimer wieder auf Distanz (33.). Doch dann leistete sich der Gast einige leichte Fehler, zudem hielt Gustavsson nicht mehr so stark. Und die Entscheidungen der Schiedsrichter waren mitunter zumindest zweifelhaft. So verwehrten Schmitz/Kaiser Jürgen Schweikardt einen Siebenmeter und schickten ihn wegen angeblicher Schauspielerei für zwei Minuten vom Feld. Die SG kam erneut auf zwei Tore heran (15:17/35.) und kämpfte jetzt verbissen um den Anschluss.

Bis zur 44. Minute hielt der Vorsprung, dann mussten die Bittenfelder ihrem Kräfteverschleiß und ihrer schwächer besetzten Bank Tribut zollen. Nach Sebastian Sauerlands 21:21 tobten die Bietigheimer Fans, das Spiel schien zu kippen. Erst recht, als Sauerland die erste Führung erzielte (23:22/48. Minute).

Der TVB jedoch hielt energisch dagegen, wehrte sich mit den letzten Kräften. Nach der neunten Zeitstrafe gegen den TVB vier Minuten vor dem Ende hatte die SG beim 25:25 die besseren Karten, beide Punkte zu behalten. Doch Simon Baumgarten schaffte zweieinhalb Minuten vor dem Ende den 27:27-Ausgleich. Und schließlich hatte der TVB auch noch eine Portion Glück: Schmitz/Kaiser entschieden bei Sebastian Knieriems Angriff – diesmal mutig – auf Stürmerfoul statt Siebenmeter. Und im nächsten Angriff vollendete der überragende Seitner kühl zum 28:27 für den TVB, der auch die letzte Unterzahl 20 Sekunden vor dem Ende überstand: Christian Löffler traf mit der letzten Aktion des Spiels nur die Latte des Bittenfelder Tores.

SG BBM Bietigheim: Gysin, Lenz; Haller (5), Amann, Kibat (2/1), Knieriem (2), Heuberger (2), Schäfer (2), Bauer (2), Scheerschmidt, Rothe (1), Hinz (6/1), Löffler (1), Sauerland (4)

TV Bittenfeld: Gustavsson, Krotz; Seitner (8), Schöbinger (3/1), Prasolov (2), Lenz, Schweikardt (4/2), Heib, Baumgarten (7), Wehner, Hauk (3), Drobek (1)

@ Ausschnitte auf sportvideos.zvw.deQuelle: Waiblinger Kreiszeitung – Thomas Wagner