Manuel Späth im Interview

Späth Abwehr

Frisch Auf ohne Manuel Späth? Das ist wie Göppingen ohne den Hohenstaufen. Die Wertschätzung der Fans für den Kreisläufer ist enorm, trotzdem sucht der 31-Jährige nun beim Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart eine neue Herausforderung. „Man darf sich nie ausruhen und muss sich immer neu beweisen“, sagt er im Interview.

Herr Späth, nach Ihrem letzten Spiel im Göppinger Trikot gab’s in der EWS-Arena eine unglaublich emotionale Verabschiedung. Hatten Sie im Vorfeld mitbekommen, wie die Choreografie aussehen wird?
Nein, habe ich nicht. Natürlich macht man sich im Vorfeld ein paar Gedanken, wie die Verabschiedung wohl aussehen könnte. Es war ein perfekter Abschied, schöner hätte er nicht sein können. Da war wirklich alles dabei. Er hat mir gezeigt, dass ich in den elf Jahren in Göppingen einiges richtig gemacht habe. Das hat mich schon ein bisschen stolz gemacht.

Selbst Unbeteiligte bekamen bei der Zeremonie feuchte Augen. Wie erging es Ihnen in diesem Moment?
Ich habe alles auf mich wirken lassen, ich war wie in Trance angesichts der vielen Eindrücke auf einmal. Es war wie ein Film, der vor meinen Augen abgelaufen ist. Ich hatte eher tagsüber zu kämpfen. Als ich daran dachte, dass jetzt tatsächlich der Tag gekommen ist, wurde ich von Gefühlen überschüttet. Da hatte ich zigmal Tränen in den Augen.

Das Drehbuch zum letzten Spiel war ja durchaus dramatisch. Für Göppingen ging’s zwar nur um die Endplatzierung, doch Ihr künftiger Club TVB 1898 Stuttgart kämpfte noch ums Überleben. Eine Niederlage des TVB hätte unter Umständen den Abstieg bedeutet – auch Ihren. Wie war da Ihre Gefühlslage?
Das war natürlich ein äußerst undankbares Spiel und für den Kopf nicht einfach. Vor so einer Konstellation steht man wahrscheinlich nur einmal im Leben. Ich bin sehr froh, dass alles gut ausgegangen ist.

Sie sind bei den Fans unheimlich beliebt. Welches Geheimnis steckt dahinter?
Ich glaube, es ist meine Art, Handball zu spielen. Es gibt sicherlich talentiertere Handballer als mich. Aber ich bin ein Vollbluthandballer, der immer alles gibt, sich zerreißt auf dem Spielfeld und sich auch neben dem Platz für den Verein einsetzt. Ich denke, die Fans sehen das und wissen es zu schätzen. Hinzu kommt, dass ich mit dem Verein FA Göppingen schon so lange verbunden bin, da ist über die Jahre hinweg etwas gewachsen und eine große Nähe zu den Fans entstanden. Zudem haben wir ja auch ganz erfolgreiche Jahre hinter uns und unter anderem viermal den Europapokal gewonnen.

Könnte sich eine ähnliche Beziehung zu den TVB-Fans entwickeln?
Der TVB ist wie Frischauf ein sehr familiärer Verein, da sind enge Beziehungen sicherlich leichter aufzubauen. Aber dafür bin ich noch zu kurz da. In Göppingen habe ich ja fast jeden Dauerkartenbesitzer persönlich gekannt. Da unterhält man sich logischerweise auch nach dem Spiel und gibt Autogramme. Ich denke, diese Nähe zu den Fans zeichnet den Handball auch aus. Man muss sich allerdings auch stellen, wenn’s mal nicht so gut läuft. Da möchte jeder Fan seinen Beitrag leisten. Aber damit kann man leben, solange es im Rahmen bleibt. Das gehört im  Profisport einfach dazu.

 

Sie sind ja auch in den sozialen Netzwerken recht aktiv. Müssen Sie da nicht ständig auf der Hut sein? Schließlich wird hier ja viel Unsinn getrieben.
Es macht zunächst einmal viel Spaß, die Fans über Facebook auf dem Laufenden zu halten. Es kann schon sein, dass man sich da auch mal etwas Negatives anhören muss. Aber die Fußballer sind da viel stärker gefährdet. Man muss sich nur anschauen, was der Timo Werner ertragen muss.

Wenn Sie Ihre lange Karriere Revue passieren lassen, ist sie nahezu perfekt gelaufen: Sie sind von größeren Verletzungen verschont geblieben, wurden Nationalspieler und sind allseits beliebt. Gab’s nicht auch schwierige Zeiten?
Klar, es war auch harte Arbeit. Vor allem in den ersten Jahren. Als ich mit 20 Jahren von Neuhausen nach Göppingen kam, hat mich der Trainer Velimir Petkovic geprägt. Mental und körperlich war das schon eine harte Schule, durch die man durchmusste (lacht). Ich musste einiges einstecken, habe aber auch gemerkt, dass der Trainer auf mich setzt. Im Nachhinein war die Zeit mit ihm super für meine Entwicklung. Wobei auch klar ist, dass man sich nie ausruhen darf und sich immer beweisen muss. Der Nächste wartet schon darauf, deinen Platz einzunehmen.

Was hat Sie letztlich dazu bewogen, Ihren Herzensclub nach elf Jahren zu verlassen?
Ich hätte es in Göppingen sicherlich einfacher gehabt, weil ich schon ein gewisses Standing hatte. Hier beim TVB muss ich mir in einem neuen Team meinen Platz erst noch erarbeiten. Ich denke, jetzt war die letzte Gelegenheit, noch einmal etwas Neues anzupacken. Es gab mehrere Möglichkeiten. Mit dem Wechsel zum TVB können wir in der Region bleiben. Dass wir jetzt eine kleine Tochter haben, hat sicherlich zur Entscheidung beigetragen. Es war aber nicht der einzige Grund.

Sondern?
Es ist noch viel Potenzial im Verein. In den vergangenen ein, zwei Jahren hat sich der TVB in Stuttgart schon etabliert. Aber ich denke, der eine oder andere Sponsor wartet noch ab, wie sich die Sache hier entwickelt. Stuttgart ist eine finanzstarke Region, da ist längst nicht alles ausgeschöpft. Es ist noch in allen Bereichen Luft nach oben. Auch ein paar Fans kann der TVB noch hinzugewinnen.

Apropos Fans: Die EWS-Arena in Göppingen, die „Hölle Süd“, ist bekannt für ihre grandiose Stimmung. Wie haben Sie die Porsche-Arena und Scharrena in den ersten beiden Spielen gegen Melsungen und Erlangen erlebt?
Die Stimmung in der Hölle Süd ist sicherlich außergewöhnlich. In Göppingen hat sich über die Jahre hinweg ein Stammpublikum gebildet, ein Großteil sitzt seit Jahren auf der Tribüne. Die Fans sind mit Herzblut dabei. Das kann natürlich auch in die andere Richtung ausschlagen, wenn es mal nicht so läuft. Die Porsche-Arena und Scharrena sind sehr schöne Hallen, und ich freue mich sehr auf die Heimspiele. Welche Stimmung hier herrschen kann, hat man bei unserem Auftakterfolg gegen Melsungen erleben können.

Wie schnell fanden Sie sich denn in Ihrer neuen Mannschaft zurecht?
Die Trainingsinhalte unterscheiden sich, jeder Trainer hat da andere Vorlieben. Auch die vielen neuen Mitspieler waren ungewohnt für mich, das kenne ich so ja nicht. Auf dem Spielfeld braucht’s sicher noch eine Weile, bis alles passt. Vor allem in der Abwehr. Man muss auch berücksichtigen, dass ich mit Samuel Röthlisberger und Stefan Salger zwei junge Spieler neben mir habe, die im ersten Jahr in der Bundesliga spielen. Aber das ist natürlich auch ein Anreiz für mich, den beiden zu helfen, sich weiterzuentwickeln.

Wie hat die Integration abseits des Spielfeldes funktioniert?
Das ging recht schnell. Ich bin ja auch gleich in den Mannschaftsrat gewählt worden. Das zeigt mir, dass ich gut aufgenommen worden bin.

In einem Bereich stehen Sie ja sogar ganz oben auf der Liste: Beim traditionellen Vorbereitungs-Duathlon haben Sie eine Bestmarke gesetzt. Sind Sie ein Schwimm- und Lauftalent?
Man traut es mir angesichts meiner Statur zwar kaum zu, aber ich bin ein ganz guter Läufer (lacht). Und schwimmen kann ich auch. Mein Vater hat in Esslingen Wasserball gespielt, da war ich zwangsläufig oft im Becken.

Im Trainingslager in Südtirol gab’s die eine oder andere sogenannte Teambuilding-Maßnahme, die vermutlich auch für Sie ungewohnt war. Wird dem Teamgeist nicht vielleicht zu viel Bedeutung zugemessen?
Nein, ich bin überzeugt davon, dass der Teamgeist extrem wichtig ist. Ein Team kann viel erreichen, auch wenn es individuell schwächer ist. Bestes Beispiel war unser Auftaktsieg gegen Melsungen.

Haben Sie es schon mal erlebt, dass ein Mitspieler Probleme hatte, sich zu integrieren?
Es gab sehr gute Handballer, die im Team aber nicht funktioniert haben. Natürlich sind die Charaktere immer unterschiedlich, die müssen auch nicht alle gleichgeschaltet werden. Aber wenn sich Spieler partout nicht einfügen wollen, wird’s ganz schwierig. Wenn es überhaupt nicht passt, sollte man sich trennen.

Ihren Weg eingeschlagen haben Sie abseits des Handballs und machen sich nebenbei Gedanken, wie es nach dem Handball weitergehen soll?
Ja, ich habe nach dem Abitur an der Uni Hohenheim begonnen, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Mein Studium Internationales Management habe ich vergangenes Jahr abgeschlossen. Wenn sich in Stuttgart alles eingependelt hat, werde ich versuchen, das eine oder andere Praktikum zu absolvieren, um dranzubleiben. Ich finde es grundsätzlich wichtig, etwas zu machen, das vom Handball ablenkt. Das tut auch dem Kopf gut. Wenn da nur Handball drin ist, zermürbt einen das.

Der Handball beschreitet in dieser Saison neue Wege. Fast alle Erstligaspiele werden live übertragen, der Anbieter bestimmt aber die Anwurfzeiten. Wie stehen Sie dazu?
Ich bin da noch ein wenig zwiegespalten. Prinzipiell finde ich es gut, wenn der Handball offen ist für Neues. Sonst wird er vielleicht von anderen Sportarten überholt. Sicher ist die Qualität der Berichterstattung bei Sky besser. Andererseits muss man natürlich aufpassen. Der Handball muss sich treu bleiben, er darf die Nähe zu den Fans und seine Identität nicht verlieren. Ich denke, man muss noch ein bisschen Zeit verstreichen lassen, damit man sich ein Urteil bilden kann. Wenn man nach einer Saison merkt, dass etwas nicht so gut läuft, sollte man flexibel sein und reagieren.

Quelle: Thomas Wagner, ZVW