Spielbericht Erlangen

Die Bäume wachsen für den Handball-Erstligisten TVB 1898 Stuttgart nicht in den Himmel. Der TVB präsentierte sich gestern in der ausverkauften Scharrena gegen den HC Erlangen nicht in der Verfassung vom Auftaktsieg gegen Melsungen und musste sich mit 29:31 (12:17) geschlagen geben. Die Aufholjagd in Halbzeit zwei reichte nicht, um die Partie zu drehen.
Nach der überzeugenden Leistung des TVB beim 29:27-Sieg gegen die MT Melsungen träumten die Fans von einem Saisonstart mit 4:0 Punkten – zumal dem HC Erlangen nicht die Klasse der Melsunger zugeschrieben wird. Der Auftakt der Franken ging am Donnerstag bei der 24:28-Pleite gegen den Vorjahres-Fastabsteiger TBV Lemgo kräftig daneben. Drei Tage später indes zeigten sich die Erlanger von ihrer anderen Seite: Von einer Verunsicherung war nichts zu spüren – im Gegenteil: Das Team von Trainer Robert Andersson wirkte – unterstützt von 200 lautstarken Fans – vom ersten Angriff weg fokussiert und selbstbewusst.
Und es trat, im Gegensatz zum TVB, in der Scharrena in Bestbesetzung an.

Beim Heimteam fehlten nicht nur die Langzeitverletzten Felix Lobedank und Djibril M’Bengue. Dominik Weiß humpelte auf Krücken in die Halle: Der hartnäckige Bluterguss am Schienbein musste unter der Woche operativ entfernt werden, die Ärzte rechnen mit zwei Wochen Pause. Die angeschlagenen Manuel Späth und Stefan Salger hingegen waren einsatzbereit. Nach dem schnellen 0:2-Rückstand kam der TVB ins Spiel, Salger sorgte beim 4:3 (6.) für die erste Führung des Heimteams, und der erneut starke Bobby Schagen legte zum 5:4 nach (8.). Dann jedoch dominierten die Erlanger. Angeführt vom sehr guten Ex-Nationalspieler Michael Haaß, übten die Gäste viel Druck auf die TVB-Defensive aus, hatten die klareren Aktionen und holten sich beim 8:5 nach zwölf Minuten das Drei-Tore-Polster. Das Team von Trainer Markus Baur hatte nicht nur alle Mühe, die Lücken in der Deckung zu schließen. Im eigenen Angriff fehlten die Ideen und die Durchschlagskraft gegen die aufmerksame Gästeabwehr, die den TVB häufig nah ans Zeitspiel brachte. Erschwerend hinzu kam aus TVB-Sicht, dass die Franken an diesem Sonntagmittag auch das Torhüterduell deutlich für sich entschieden.

Nikolai Link besorgte das 6:10 durch die Beine von Johannes Bitter (16.), nach einem Doppelpack von HCE-Rechtsaußen Johannes Sellin stand’s 7:12 (20.). Nach dem 9:14 machte Bitter Platz für Jonas Maier. Doch auch der Neuzugang kam nicht so richtig zum Zugriff. So lief der TVB stets einem Rückstand hinterher. Erlangen blieb das bessere Team, das auch in Unterzahl clever agierte, wenig Fehler machte und die verdiente 17:12-Führung mit in die Pause nahm.
Für den zweiten Spielabschnitt hatte sich Markus Baur eine taktische Variante überlegt, die auch schon in der Vorbereitung hin und wieder Anwendung fand: Auf der rechten Rückraumposition sollte Schagen für mehr Tempo sorgen, Finn Kretschmer rückte auf Außen. Auf der anderen Seite durfte Max Häfner für Tobias Schimmelbauer ran. Kretschmer und Marian Orlowski deckten auf den Halbpositionen. Und die Idee war keine schlechte, der TVB spielte druckvoller. Nach jeweils zwei Treffern von Orlowski, Michael Kraus und Schagen hatte sich Stuttgart binnen sieben Minuten zum 18:19 herangekämpft. Das Heimteam war nun auf Augenhöhe mit dem Gegner. Auch nach dem 19:20 durch Samuel Röthlisberger sah es so aus, als könnte der TVB die Partie drehen. Die Erlanger blieben jedoch ruhig – und hatten noch bessere personelle Alternativen. Christoph Steinert und Nicolai Theilinger setzten sich im rechten Rückraum immer wieder klasse durch.
Nach 40 Minuten erzielte Haaß das 19:22. Der TVB agierte in dieser Phase zu hektisch, wollte die Wende zu schnell und bisweilen mit der Brechstange herbeiführen. Die Gäste nutzten dies clever aus – und hatten einen weitere Trumpf im Ärmel: Nikolas Katsigiannis rückte für Goradz Skof zwischen die Pfosten und parierte das eine oder andere Mal glänzend. Der TVB gab zwar nicht auf und schaffte durch Schimmelbauer beim 24:25 (49.) den neuerlichen Anschluss. Doch dann schlichen sich wieder leichte Fehler ein. Und das Glück hatte das Heimteam auch nicht auf seiner Seite: Ein paarmal fand ein abgefälschter Wurf den Weg ins Tor, das nun wieder Bitter hütete. Hoffnung, wenigstens einen Punkt zu retten, hatte der TVB nach Schimmelbauers 25:27 (54.), im Anschluss scheiterten jedoch Salger und Kraus. Für die Entscheidung sorgte Andreas Schröder: Der Erlanger Neuzugang aus Gummersbach versenkte den Ball zweieinhalb Minuten vor dem Ende zum 26:30 aus TVB-Sicht. Die Gäste brachten ihren ersten Saisonsieg beim 31:29 sicher nach Hause – und ließen sich von ihren 200 Fans feiern. Für die hatte sich die Reise nach Stuttgart doppelt gelohnt: Die Verantwortlichen des HCE hatten die Zuschauer eingeladen. Für den TVB geht’s am Sonntag mit dem ersten Auswärtsspiel der Saison in Magdeburg weiter. Der SCM musste sich gestern beim THW Kiel nur knapp mit 32:34 geschlagen geben.
TVB 1898 Stuttgart: Bitter, Maier; Schimmelbauer (5), Häfner (1), Salger (4), Schagen (7/2), Schweikardt, Späth (1), Kraus (5), Baumgarten (1), Röthlisberger (1), Burmeister, Kretschmer, Orlowski (4).
HC Erlangen: Skof, Katsigiannis, Theilinger (6), Sellin (6/4), Bundalo, Jonas Link, Haaß (3), Gorpishin, Büdel, Bissel (1), Stranovski (2), Nikolai Link (4), Steinert (6), Thümmler (1), Schröder (2).

Quelle: Thomas Wagner, ZVW